Unlimited History
von Wolfgang Drechsler

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Handschriftliche Notizen, Bemerkungen, alte Briefmarken, Geldscheine, Briefumschläge, Landkarten, alte, vergilbte Fotografien, Zeichnungen, Dokumente, Nachrichten, Zeitungsausschnitte, eine Unmenge von Koordinaten: all dies findet sich im “Research Diary“, dem Herzstück des umfangreichen Projekts „Unlimited History“ von Ramesch Daha. Die Zeichnungen und Fotografien zeigen Menschen, Soldaten, Begegnungen, Landschaften, tiefe Schluchten, Brücken aus Stahl, Eisenbahnen. Eine der Landkarten ist übertitelt „Grain Production and Transportation“, eines der Fotos zeigt eine Gruppe marschierender Soldaten und trägt den Titel „Occupation of Persia“, auf einer gezeichneten Landkarte heißt dies: „The Invasion of Iran“. Ein Zeitungsausschnitt enthält ein Foto einer Unzahl von Zelten in Reih und Glied und trägt den erklärenden Titel: „This is the Tented Staying Area as it was in Jan. 1943“. Ein sorgfältig vom Hintergrund befreites Foto präsentiert drei sitzende Staatsmänner – den sowjetischen Führer Josef Stalin, den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt  und den britischen Premierminister Winston Churchill.
Foto um Foto, Dokument um Dokument, Zeichnung um Zeichnung, Text um Textfragment, Koordinate um Koordinate, Stein um Stein fügen sich die Einzelteile zusammen und erzählen eine Geschichte aus der Geschichte. Wie frühere Arbeiten und Projekte von Ramesch Daha nahelegen, ist auch diese Geschichte keine willkürliche, sondern Teil ihrer eigenen und der ihrer Familie. 1971 in Teheran geboren, musste sie 1978 im Vorfeld der Islamischen Revolution von 1979 mit ihrer Familie ihre Heimatstadt verlassen und fand Zuflucht in der ihrer Mutter, in Wien. Wie Persönliches mit Geschichte verwoben sein kann, zeigt ihr Video von 2009, in dem ihre iranische Großmutter Monirjoon die historischen Veränderungen an Hand der Geschichte der Namen der Straße ihrer Kindheit und Jugend darlegt. Bis 1934 hieß die Straße „Amjadeyeh“, dann wurde sie in „17. Dey 1314“ umbenannt, wie  der 6. Jänner 1934 im persischen Kalender lautet. An diesem Tag fand die Abschlussfeierlichkeit an Monirjoons Schule statt, zu der auch – für die Schüler unerwartet – Reza Shah und dessen Ehefrau und Töchter erschienen, letztere demonstrativ erstmalig in der Öffentlichkeit unverschleiert. Auch die Absolventinnen und Mitarbeiter der Schule waren aufgefordert worden, ohne Tschador zur Feier zu erscheinen. Das Verbot des Tschadors hatte Reza Shah erst wenige Tage zuvor erlassenen. In seiner Rede würdigte der Schah die Frauen und betonte deren neuen Freiheiten. In der Zeit der Pahlavi-Dynastie wurde der 17. Dey als „Tag der Befreiung der Frau“ gefeiert.
Ein weiteres historisches Ereignis, von dem die Großmutter der Künstlerin berichtet, fand 1943 statt. In Monirjoons Straße befand sich zu dieser Zeit auch die amerikanische Botschaft und eines Tages sah sie sich gleichsam eingesperrt und von Soldaten und Panzern umgeben. Einige Tage später erfuhr sie dann aus den Zeitungen, dass in „ihrer“ Straße vom 28. November bis zum 1.Dezember Teile der Teheran-Konferenz mit den Teilnehmern Churchill, Roosevelt und Stalin stattgefunden hatten. Danach wurde die Straße in „Roosevelt“-Straße umbenannt. Verständlich, dass dann die Erinnerung an den amerikanischen Präsidenten in der „Islamischen Revolution“ nicht überleben durfte und die Straße 1979 neuerlich umgetauft wurde. Sie heißt nun „Dr. Mofateh“-Straße.
Ausgehend von den Erinnerungen ihrer Großmutter startet Ramesch Daha in „Unlimited History“ ihre eigenen Forschungen. Zunächst sind es die Beziehungen zwischen dem Iran und den Teilnehmern der Teheran-Konferenz, den drei Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg – Großbritannien, den USA und der Sowjetunion. Die umfangreichen Recherchen im Internet und in öffentlichen und privaten Archiven konzentrieren sich dann auf die Geschichte des Baues der Transiranischen Eisenbahnstrecke. Die Errichtung eines Streckennetzes, das die Hauptstadt Teheran mit dem Kaspischen Meer im Norden und dem Persischen Golf im Süden verbinden sollte, wurde unter Reza Shah von 1927 bis 1941 geplant und realisiert. Einerseits begann damit für den Iran das Zeitalter der Industrialisierung, anderseits haben Dahas Recherchen – vor allem im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin – gezeigt, wie der Bau der Transiranischen Eisenbahn die Beziehungen zwischen Hitler-Deutschland und dem Iran beeinflusst haben. Von Deutschland entsandte Ingenieure waren insbesondere am Ausbau der Nordstrecke beteiligt, da sich die neue Bahn vorzüglich in die Angriffspläne gegen die Sowjetunion integrieren ließ. 1941 hat sich die Situation dann geändert: Forciert durch die Alliierten wurde Reza Shah zur Abdankung gezwungen und in der Folge die Deutschen aus dem Land vertrieben. Nach der Besetzung Irans durch die anglo-sowjetische Invasion (im „Research Diary“ findet sich der Cover eines den US-Soldaten als Benimmfibel überreichten „Pocket Guide to Iran“) wurde die Transiranische Eisenbahn Persiens beschlagnahmt und diente als so genannter „Persischer Korridor“ für den Nachschub von Waffen für die sowjetischen Truppen.
Kennzeichnend für die  historischen Recherchen der Künstlerin sind das Nebeneinander von zum Teil kontroversen Inhalten, mannigfachen Medien und offenen Perspektiven. Geschichte ist ein Konstrukt und als solches stets subjektiv. Wichtig ist, dass die Fakten möglichst korrekt und objektiv sind und bleiben. Fotos, Dokumente, Archivmaterialien  gehen mit persönlichen Erinnerungen eine Verbindung ein, schaffen ein Bild aus der Geschichte und die Basis für das Verständnis einer komplexen Gegenwart. Dabei kommt der Fotografie eine besondere Rolle zu: sie unterstützt scheinbar den Wahrheitsgehalt der Worte, gleichwohl ihre Geschichte zeigt, dass sie von Anfang an manipulierbar war und manipuliert wurde. Ohne Überschrift könnte das Zeltlager überall sein, anderseits unterstreicht das Foto die Glaubwürdigkeit des Textes: die amerikanischen Soldaten sind tatsächlich schon dort und in dieser enormen Anzahl.
Die Fotografie beziehungsweise die Auseinandersetzung mit dieser hat auch im bisherigen Schaffen von Ramesch Dada eine nicht unbedeutende Rolle gespielt, wobei sie sich dabei stets betont als Malerin verstand. So hat die Künstlerin in ihrer Diplomarbeit, 1998, der Serie „Clips and Snapshots“, versucht, den Eindruck von Sofortbildern, wie sie mithilfe einer Kamera schnell entstehen, in die Malerei umzusetzen, wobei sie damals keine Fotovorlagen benutzte, sondern Freunde und Bekannte direkt Modell saßen.
Eine ganz andere Rolle spielte die Fotografie für das Projekt „Victims 9/11“, dem Versuch möglichst alle Menschen, die dem Terroranschlag vom 11.9.2001 in New York zum Opfer gefallen sind, in einer Serie von gleichformatigen Porträts festzuhalten und zu dokumentieren. Ausgangspunkt war schon damals eine unmittelbare Verbindung zur eigenen Biographie und Familiengeschichte. Das erste Opfer, das sie bildlich darstellte, war Darya Lin, eine Cousine von Dahas damaligem Ehemann. In nächtelanger Arbeit im Internet gelang es der Künstlerin die Namen und Fotos von rund 3000 Opfern zu recherchieren und herunterzuladen. Mehr als 800 hat sie bis 2015 in Malerei umgesetzt. Nebeneinander gereiht ergibt die Summe der individuellen Einzelporträts einen Eindruck von der unfassbaren Dimension und der Brutalität des kollektiven Sterbens.

Bei einer anderen Arbeit konfrontierte Daha Porträts ihrer eigenen Kinder und denen von Verwandten mit Bildnissen von Kindern, die in den kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak getötet worden sind. Die Vorarbeiten waren wieder genaue Recherchen im Internet, sie hat bewusst keine „grauslichen“ Fotos ausgewählt, sondern nette Familienfotos wie die eigenen auch. Diesem Nebeneinander gab sie – auch angesichts des bis heute anhaltenden tagtäglichen Terrors – den sehr treffenden, von CNN entlehnten Titel: „no comment“.

Ramesch Daha. Unlimited History
by Wolfgang Drechsler

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Hand-written notes, comments, old postage stamps, banknotes, envelopes, maps, old yellowed photographs, drawings, documents, notes, newspaper cuttings: all of these can be found in the Research Diary, which is at the core of the wide-ranging project Unlimited History by Ramesch Daha. The drawings and photographs show people, soldiers, meetings, landscapes, deep canyons, steel bridges and railway tracks. One of the maps is headed “Grain Production and Transportation”, one of the photos shows a group of marching soldiers and carries the title “Occupation of Persia”, on a drawn map, this is named: “The invasion of Iran”. A newspaper clipping contains a photo of a myriad of tents lined up and carries the explanatory title “This is the Tented Staying Area as it was in Jan. 1943”. One photo, carefully separated from its background presents three seated statesmen: the soviet leader Joseph Stalin, US-President Franklin D. Roosevelt and the British Prime Minister Winston Churchill.
Photo after photo, drawing after drawing, text after text fragment, coordinate by coordinate, stone by stone—the individual parts all add up to make a story out of history. As earlier works by Ramesch Daha suggest, this story is not arbitrary but part of her own and her family’s history. Born in Teheran in 1971, in 1978 in the run-up of the Islamic Revolution of 1979 she had to leave her home city with her family finding refuge in her mother’s home city—Vienna. How personal life can be interwoven with history is shown by her video of 2009, where her Iranian grandmother Monirjoon exemplifies the historical changes with the history of the names of the street, where she grew up: until 1934 the street was called “Amjadeyeh”, then it was changed to “17th Dey 1314”, which stands for the 6th of January 1934 in the Persian calendar. On that day the celebrations of the graduation at Monirjoon’s school were taking place, when—quite unexpectedly for the pupils—Reza Shah and his wife and daughters appeared, the latter ostentatiously without a veil for the first time in public. Also the graduates and school staff had been asked to appear to the celebrations without chador. The prohibition of the chador had been adopted by Reza Shah only a few days before. In his speech, the Shah praised the women, underlining their new freedom. During the Pahlavi dynasty, the 17th Dey was celebrated as a “day of liberation of women”.
Another historical event, reported by the artist’s grandmother, took place in 1943. At that time the American Embassy was also situated in Monirjoon’s street, and one day she found herself literally locked in and surrounded by tanks. A few days later she learnt that parts of the Teheran Conference had taken place in “her” street from the 28th of November till the 1st of December with Churchill, Roosevelt and Stalin taking part. After that the street was renamed “Roosevelt Street”. Understandably, the memory of the American President could not survive the “Islamic Revolution” and the road, in 1979, was renamed again. Now it is called “Dr. Mofateh” Street.
Based on the memories of her grandmother, Daha begins her own research work in Unlimited History. At first they involve the relationships between Iran and the participants of the Teheran Conference, the three main allies of the anti-Hitler coalition in World War II—Great Britain, the USA and the Soviet Union. Her extensive research on the Internet as well as in public and private archives then concentrate on the history of the construction of the Trans-Iranian Railway. The establishment of a rail network, intended to connect the capital city of Teheran with the Caspian Sea in the north and the Persian Gulf in the south, was planned and completed under Reza Shah from 1927 to 1941. On the one hand the age of industrialization thus began for Iran, on the other hand Daha’s researches - especially in the archives of the Foreign Office in Berlin - have shown, how the construction of the railway affected the relationship between Nazi Germany and Iran. Engineers sent from Germany participated, in particular, in building the northern track, because the railway perfectly fitted into the plans to attack the Soviet Union. Then, in 1941, the situation changed: under pressure from the Allies, Reza Shah was forced to abdicate and the Germans were subsequently driven out of the country. After the occupation of Iran by the Anglo-Soviet invasion (in “Research Diary” we find the cover of an etiquette booklet handed to the US soldiers, “Pocket Guide to Iran”), Persia’s Trans-Iranian Railway was confiscated and served as the so-called “Persian Corridor” for the supply of weapons to the Soviet forces.
One of the characteristics of the artist’s historical research is the juxtaposition of sometimes controversial contents, manifold media and open perspectives. History is a construct and as such is always subjective. It is important that the facts are and remain as accurate and objective. Photos, documents, archive materials connect with personal memories, create a picture from history and the basis for understanding a complex presence. Here, the photograph has a special role: seemingly, it supports the truth of the words, however its history shows that it was apt to manipulation from the beginning on and has been manipulated. Without heading, the camp could be anywhere, then again the photo emphasizes the credibility of the text: the American soldiers are actually already there, and in this huge number.
Photography, and dealing with it, has always played a significant role in Daha’s work,  although she has always seen herself as a painter. For example, in 1998, in her final year project, the series Clips and Snapshots, she tried to translate the impression of instant pictures made with a camera into painting, whereas then she did not work from original photos, but with friends sitting as life models.
Photography played a very different role in the project Victims 9/11, an attempt to capture in a series of same-format portraits all of the people, who fell victim to the terrorist attack in New York on 9/11. The starting point then already was a direct link to her own biography and family history. The first victim, who she depicted figuratively, was Darya Lin, a cousin of Dahas’s then husband. Researching on the Internet for many nights, the artist succeeded in finding the names and photos of around 3000 victims. By 2015, she had translated more than 800 of them into paintings. Set next to each other the sum of the individual portraits creates an impression of the unconceivable dimension and brutality of this collective death. In another work Daha juxtaposed portraits of her own children, and those of friends, with portraits of children killed in the Iraq War. Again, the preparatory work consists of detailed research on the Internet. She deliberately chose no repulsive photos but nice family shots, just like her own. She gave a title to this juxtaposition taken from CNN —very appropriately considering the terror that continues to this day: no comment.


Unlimited History

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