Unlimited History
Kathrin Becker

Wie schon in ihren früheren Projekten Victims und 32°N/53°N verbindet Daha auch in ihrer neuen umfangreichen Arbeit Unlimited History Aspekte ihrer Familiengeschichte mit Ereignissen von tief greifender historischer Bedeutung. So ist Victims, eine umfängliche Serie malerischer Porträts von Opfern der Anschläge vom 11. September 2001, über eines der Opfer, Darya Lin, eine Cousine von Dahas damaligem Ehemann, unmittelbar mit der Biografie der Künstlerin verbunden. Das Projekt 32°N/53°N, dessen Titel auf die geographischen Koordinaten des Irans zurückgeht, thematisiert die historischen Ereignisse in Dahas Geburtsland im 20. Jahrhundert und deren Verknüpfung mit der Geschichte von ihrer Familie, wie auch des persönlichen Lebenswegs der Künstlerin selbst, die 1978 als Sechsjährige im Vorfeld der Islamischen Revolution von 1979 ihre Heimatstadt Teheran für immer verließ und nach Wien, der Geburtsstadt ihrer Mutter, übersiedelte. Kennzeichnend für das Vorgehen der Künstlerin bei ihren umfänglichen historischen Recherchen ist ein Bewusstsein für die Konstruiertheit von Geschichte und für eine Subjektivität der Geschichtsschreibung.

Das neue Projekt Unlimited History nimmt seinen Ausgangspunkt bei dem Video Street of Roosevelt (2009) und ist dadurch unmittelbar mit 32°N/53°N verzahnt. Im Video erinnert sich Dahas iranische Großmutter Monirjoon an die Straße, auf der sie während ihrer Kindheit und Jugend in Teheran lebte: Die "17 th of Dey 1314"-Straße war benannt nach dem von Reza Shah im Januar1934 erlassenen Verbot des Tschadors (wie zuvor auch der traditionellen männlichen Bekleidung, des Kolahs) und dem während der Pahlavi-Dynastie begangenen "Tag der Befreiung der Frau". Großmutter Monirjoon erinnert sich im Video auch an ihre Teilnahme an einer Abschlussfeier anlässlich ihrer Graduierung und dem Erscheinen von Reza Shah und dessen Ehefrau und Töchtern bei diesem Ereignis, die demonstrativ erstmalig unverschleiert in der Öffentlichkeit auftraten, aber auch an den Tatbestand, dass in der amerikanischen Botschaft, die sich – wie Monirjoons Wohnhaus – gleichfalls auf der "17 th of Dey 1314"-Straße befand, Teile der Teheran-Konferenz stattfanden. Die Erinnerungen der alten Damen und ihre Empfindungen angesichts der von zahlreichen Militärfahrzeugen und Panzern vorbereiteten Sperrung der Straße anlässlich der Konferenz, die bis zur Abreise von Churchill, Stalin und Roosevelt für die iranische Bevölkerung geheim blieb, mischen sich mit den historischen Fakten, die die Künstlerin als Textbausteine ins Bewegtbild setzt, zum Beispiel das Festhalten der vier Namen der Straße: vor 1934 "Amjadeyeh"-, ab 1934 "17 th of Dey 1314"-, ab 1943 "Roosevelt-" und ab 1979 schließlich "Dr. Mofateh"-Straße. Erneut ist es dieses Verhältnis von privater und öffentlicher Geschichte, das das neue Projekt Unlimited History katalysiert und motiviert.

Ausgehend von jener Verbindung zwischen der Teheran-Konferenz der drei Hauptalliierten der Anti-Hitler-Koalition im Zweiten Weltkrieg und den Erinnerungen ihrer Großmutter beginnt Daha eine umfangreiche Recherche im Internet und in öffentlichen und privaten Archiven, die sie zunächst in der Breite der historischen Verbindungen zwischen dem Iran und Großbritannien, den USA und der Sowjetunion betreibt, die sie dann aber auf den Bau der Transiranischen Eisenbahnstrecke als zentralem Recherchegebiet hinführt, an dem sie exemplarisch die historischen, subjektiven und objektiven Verbindungslinien nachzeichnet. Im Bewusstsein der Komplexität der Ereignisse und der zahlreichen Schnittstellen, an denen diese auch immer wieder das Schicksal ihrer Familien beeinflussen, wird schließlich das Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin Schlüsselelement für ihre Recherchen, bei denen die Dokumente zum Verhältnis von Hitler-Deutschland und dem Iran in Verbindung mit der Transiranischen Eisenbahn ins Zentrum von Unlimited History geraten. Das unter Reza Shah von 1927 bis 1942 realisierte Vorhaben der Errichtung eines Streckennetzes, das die Hauptstadt Teheran mit dem Kaspischen Meer im Norden und dem Persischen Golf im Süden verbindet, markiert den Einstieg des Landes in das Zeitalter der Industrialisierung. Gleichzeitig spielt es eine tragende Rolle für die strategischen Vorhaben sowohl von Hitler-Deutschland und seinen Angriffsplänen gegen die Sowjetunion als auch für die Alliierten. Hitler-Deutschland entsendete seine Ingenieure in den Iran und war insbesondere am Ausbau der Nordstrecke beteiligt, jedoch wurden die Deutschen im Zusammenhang mit der durch die Alliierten forcierten Abdankung von Reza Shah 1941 vertrieben, und die Transiranische Eisenbahn wurde durch die Besetzung Persiens durch die anglo-sowjetische Invasion beschlagnahmt und diente als so genannter "Persischer Korridor" dem Nachschub von Waffen für die sowjetischen Truppen. Daha nähert sich den komplexen historischen Ereignissen zunächst in einem "Research Diary" in Form eines Notizbuches, in das Originaldokumente, Briefmarken, Exzerpte aus historischen Dokumenten und Skizzen einfließen, die sie aus der Fülle ihrer Recherchen extrahiert.

Auf dieser Grundlage entstehen die verschiedenen Projektbausteine in den diversen Medien: "drawings", Negativabzeichnungen von bedeutenden, teils seltenen Dokumenten, vor allem aus dem Archiv des Auswärtigen Amtes, weiter gemalte Landkarten, die auf Bildmaterial aus Kriegsmagazinen, dem National Geographic oder dem Pocketguide to Iran basieren und strategisch bedeutende Abschnitte des Eisenbahnbaus und die historischen Planungen der Invasoren zeigen, Videos, u. a. von Militärparaden von 2006, die auf die historischen Ereignisse Bezug nehmen, und schließlich Landschaftsmalereien, zum einen die Black-and-White-Paintings, die Headlines historischer Berichterstattungen mit Bildmaterial von zeitgenössischen Fotoreportern kombinieren, und zum anderen Landschaftsbilder von reduzierter Farbigkeit, die den heutigen Ansichten der strategisch bedeutenden Orte im Verlauf der Transiranischen Bahn mit Google-Earth auf die Spur gehen und mit den entsprechenden geografischen Koordinaten verbinden. Im Nebeneinander von Inhalten, Medien und Perspektiven wirft Daha einen multiplen Blick auf die historischen Ereignisse, der keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, jedoch stets faktische Korrektheit anstrebt. Die Künstlerin stellt sich der Diskrepanz zwischen individueller und institutionalisierter Geschichte, um die Komplexität der Gegenwart zu hinterfragen, als deren Essenz sich ihre historischen Exkurse zeigen.




Just like her previous projects Victims and 32° N / 53° N, in her new extensive work Unlimited History, Daha combines aspects of her family history with events of profound historical significance. In this way, Victims, a considerable series of painted portraits of victims of the nine eleven attacks, is, through one of the victims, Darya Lin, a cousin of Daha’s then husband, directly connected with the biography of the artist. The project 32° N / 53° N, its title going back to the geographic coordinates of Iran, addresses the historical events of the 20th Century in Daha’s country of birth and their association with the history of her family, as well as with the artist’s own biography, who in 1978 at the age of seven, just before the Islamic Revolution of 1979, left her hometown Tehran forever and settled in Vienna, her mother’s birthplace. In her comprehensive historical research it is characteristic for the artist to proceed with an awareness of the constructed nature of history and of the subjectivity of the historical narrative.

The new project Unlimited History has its starting point in the video Street of Roosevelt (2009) and is thus interlocked directly with 32° N / 53° N. In the video, Daha’s Iranian grandmother Monirjoon recalls the street on which she lived during her childhood and youth in Tehran: the “17th of Dey 1314” Street was named after the banning of the chador by Reza Shah in January 1934 (as was previously also the traditional male clothing, the kolah) and after the “Liberation Day of the Woman” celebrated during the Pahlavi dynasty. Grandmother Monirjoon also recalls in the video her attending a ceremony on the occasion of her graduation and the arrival of Reza Shah and his wife and daughters at the event, who for the first time ostentatiously appeared unveiled in public, but also the fact that in the American embassy, which also – just like Monirjoons house - was situated on the “17th of Dey 1314” Street, parts of the Tehran Conference were held. The memories of the old lady and her emotions at the sight of the prepared road closure by several military vehicles and tanks at the occasion of the conference, which remained secret to the Iranian public up until the departure of Churchill, Stalin and Roosevelt, mingle with the historical facts, which the artist inserts as text blocks into the moving images, for example the recording of the four names of the street: before 1934 “Amjadeyeh”, from 1934 “17th of Dey 1314”, from 1943 “Roosevelt” and from 1979, finally, “Dr. Mofateh” Street.

Again, it is this relationship between private and public history, which catalyzes and motivates the new project Unlimited History. Based on that link, between the Tehran conference with the three principal allies of the anti-Hitler coalition in World War II and the memories of her grandmother, Daha begins an extensive research on the internet and in public and private archives, first of all pursuing it in the width of the historical links between Iran and the United Kingdom, the United States and the Soviet Union, then directing it to the construction of the Trans-Iranian Railway as the key research area, in which she exemplarily traces the historical, subjective and objective connecting lines. Being aware of the complexity of events and the numerous interfaces, where these repeatedly influence the fate of her family, finally, the archive of the German Foreign Office in Berlin becomes the key element in her research, in which the documents on the relationship between Nazi Germany and Iran, in conjunction with the Trans-Iranian Railway, become pivotal in Unlimited History. The project, implemented under Reza Shah from 1927 to 1938, realizing the construction of a rail network that connects the capital Tehran with the Caspian Sea to the north and the Persian Gulf in the south, marks the first steps of the country into the age of industrialization. At the same time, it plays a vital role in the strategic plans of both Nazi Germany with its plans of attack against the Soviet Union and the Allies. Nazi Germany dispatched its engineers to Iran and was particularly involved in the development of the northern section, however, the Germans were expelled, in association with the abdication of Reza Shah in 1941, forced by the Allies, and thus, the Trans-Iranian Railway was seized during the occupation of Persia by the Anglo-Soviet invasion and served as a so-called “Persian Corridor”, supplying weapons for the Soviet troops. To begin with, Daha approaches the complex historical events with a research diary in the form of a notebook, in which original documents, stamps, excerpts from historical documents and sketches are included, extracted from the abundance of her research.

On this basis, the various project components are created in different media: drawings, negative copy drawings of significant, sometimes rare documents, primarily from the archives of the Foreign Office, furthermore, painted maps, based on the imagery of war magazines, the National Geographic or the Pocketguide to Iran, showing strategically important sections of the railroad and the historical plans of the invaders, as well as videos, including military parades in 2006, referring to the historical events, and finally, landscape paintings, on the one hand the black-and-white paintings, which combine the headlines of historical reports with images of contemporary photojournalists, and on the other hand landscapes of a reduced palette, which track down today’s views of the most strategic locations in the course of the Trans-Iranian Railway with Google Earth, connecting them with the corresponding geographic coordinates. With the juxtaposition of content, media, and perspectives, Daha takes a multiple look at the historic events, that does not claim to be scientific, but always strives for factual accuracy. The artist confronts the discrepancy between individual and institutionalized history in order to question the complexity of the present, the essence of which becomes apparent through her historical digressions.


Unlimited History

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