Von weißen Flecken und von der Eisenbahn
Dr. Susanne Scholl

Die Geschichte kennt viele weiße Flecken. Ramesch Daha versucht mit ihrer Arbeit, einen dieser weißen Flecken bunt zu färben. In akribischer Recherche in den Archiven dieser Welt ist sie jenem Teil der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts nachgegangen, der bis heute in Europa weitgehend unbekannt ist. Der Rolle des damaligen Persiens nämlich im zweiten Weltkrieg. Dabei geht es ihr sowohl um die Position Teherans, als auch um das Interesse der Nazis und der Sowjetunion an dem Land. Sie ist dem Bau der Eisenbahn vom Kaspischen Meer bis zum Persischen Golf nachgegangen - und hat auf dem Weg durch die unglaublich faszinierenden Landschaften nicht nur Propaganda aller Arten gefunden, sondern vor allem unglaubliche menschliche Schicksale - wie zum Beispiel das von mehreren hundert polnischen Familien, deren Schicksal sie auf einen tausende Kilometer langen Fußmarsch von Russland bis in den Iran führte. Die Verbindung aus Archivmaterial und Kunst erzählt eine aufregende Geschichte - die, wie gesagt, bisher kaum bekannt ist.

Auszug aus der Eröffnungsrede
Barbara B.Edlinger

"Somewhere in Iran heißt deine Ausstellung in der prägnante Arbeiten aus Unlimited Histories sowie 32°N 53° E zusammengeführt wurden und ein neues Bild deiner Ausseinandersetzung mit deiner Herkunft persönlicher, geografischer und politischer Art entstehen lässt.

Somewhere in Austria sind wir einander vor ein paar Jahren begegnet und haben in der gemeinsamen Leidenschaft an der Kunst Interesse füreinander, gegenseitiges Interesse an unserer Arbeit gefunden.

Distanz.

Deine Herkunft liegt in großer Distanz zu meiner Herkunft.

In ungewöhnlich emotionaler Distanz bindest du mit deiner Malerei Gegenständliches an die Leinwand und eröffnest uns Vorstellungsräume, von denen aus wir mit Distanz in deinen Erlebnisraum blicken dürfen.

Distanziert und befremdlich blicken wir auf das Video, das uns aktuelle Militärparaden aus deiner ursprünglichen Heimat vor Augen führt.

Dem Sound können wir nicht entrinnen, wir werden davon durchdrungen.

Mit großer Distanz zum Erlebten können wir deiner Großmutter folgen, die ihre persönliche Geschichte preisgibt, die, wie jede unserer Existenzen mit politischen Entscheidungen und Konstruktionen verknüpft ist, mit fotografischem und filmischen Archivmaterial untermauert, fließt alles ineinander über.

Du schwärzt Geheimpapiere aus der Nazizeit und lässt die Druckerschwärze weiß werden, du distanzierst und bringst sie uns damit nahe.

Du trittst als klare, streng politisch denkende und stringent arbeitende Künstlerin an die Öffentlichkeit, gleichzeitig stellst du dich in einen familiären Kontext. Du knüpst an an deine Vorfahren, du integrierst deine Kinder als ernstzunehmende Persönlichkeiten in deine Arbeit. Du enthebst dich damit der Zeit, du schaffst Distanz, indem du dich mitten ins Geschehen stellst."

Fiona Liewehr:

Daha geht es in ihrer künstlerischen Beschäftigung mit dem Iran nicht um die Reinszenierung weit zurück liegender historischer Ereignisse. Ihr Blick darauf ist weder emotional noch anklagend oder wertend. Die Künstlerin verarbeitet historische Dokumente von Zeitzeugen, reflektiert kritisch über die in Medien wie Internet, Zeitung oder TV verbreiteten Berichterstattungen und hinterfragt von welch signifikanter Bedeutung historische Ereignisse für die Gegenwart sind. Geschichte findet jederzeit überall statt. In der menschenleeren Landschaft ebenso, wie in der beiläufig wirkenden Randnotiz persönlicher Fotografie oder der subjektiven Erinnerung. Ramesch Dahas Werke sind keine affirmative Bestätigung der Vergangenheit, sondern vielmehr Befragungen der Gegenwart mittels des Rückgriffs auf historische Ereignisse, die sich dem kollektiven Gedächtnis unwiderruflich eingeschrieben haben.

Kathrin Becker

Im Nebeneinander von Inhalten, Medien und Perspektiven wirft Daha einen multiplen Blick auf die historischen Ereignisse, der keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt, jedoch stets faktische Korrektheit anstrebt. Die Künstlerin stellt sich der Diskrepanz zwischen individueller und institutionalisierter Geschichte, um die Komplexität der Gegenwart zu hinterfragen, als deren Essenz sich ihre historischen Exkurse zeigen.


Somewhere in Iran (2014)

Ausstellungsansichten

Von weißen Flecken und von der Eisenbahn
Dr. Susanne Scholl


Auszug aus der Eröffnungsrede
Barbara B.Edlinger


Fiona Liewehr

Kathrin Becker