INTROVERTIERTE EXPRESSION
Gedanken zum aktuellen Werk von Ramesch Daha
Wolfgang Denk

"Der Blick verliert seine Bedeutung". Dieser hintergründige und fast sinistere Satz aus dem Munde von Ramesd der Künstlerin der introvertierten Expression extrovertierter Themen, ist symptomatisch fUr ihre aktuelle Malerei. "Der Kinderporträtzyklus gehört lose zum Kosmos der 'Chicken'. Die Chicken sind reduziert, die Haut ist keine typisch Hühnerhaut, ich male sie sehr glatt und fleischig. Die Kinder male ich großformatig und suche bewusst inszenierte Körperhaltungen, die auch an meine gemalten Hühner erinnern", so weitere Gedanken der Künstlerin.

Keine Hühnerhaut und glatte Kinderhaut: Ohne auf eine fixierte, endgültige Vision ausgerichtet zu sein, erscheinen die in kühler Erotik und fast statischer Energiebalance dastehenden großformatigen Bilder in radikaler Präsenz. Neben der strengen und doch äußerst sensiblen Komposition geht es Ramesch Daha um die Umsetzung von Gefühl und Empfindungen sowie um eine Abbildung eigener tieferen Bewusstseinsebenen in einem fast meditativen Schaffensprozess. Beschaulichkeit und Expressivitat, wenn a extrem konzentriert verhaltener Form, erzeugen eine symbiotisch neoklassisch und paradigmatische Einheit. Der innere Dialog und die daraus entstehenden Ebenen partieller Selbsterkennens setzen sich in "malerische" Substanz beziehungsweise in eine hochstehende, ethische Substanz der Malerei um.

Durch diese Krafte der Körperlichkeit der Wahrnehmung die nur sehr begrenzt narrative Spannungsfelde schließen, stellt Ramesch Daha in ihren neuesten Arbeiten (2004-2005) intuitiv eine Verbindung zu Maria Lassnigs Konzept der "body-awareness" her. Zu Lassnigs zentraler Thematik der Darstellung von Korpergefühlen, zeigen sich ebenso Bezüge, wobei die Erkenntnis eine große Rolle spielt, dass sich die Identität noch den Emotionen vorgelagert, vor allem über das Körperliche in all seiner übergreifenden Bezügen, in seinen biologischen und sozialen Faktoren manifestiert. Die Frage nach der Aura, der spirituellen Ausstrahlung und der persönlichen Geschichte Ramesch Dahas, der tiefen Beziehung zu altorientalischen Kulturen ist immanent, ebenso wie die Suche nach deren Manifestation in ihrer Malerei. Gewiss ist allerdings die Faszination, die durch die Balance dieser Krafte von der Kunst Ramesch Dahas ausgeht.

Ihr Hauptinteresse sind "realistische" gegenständliche Porträts. Sie arbeitet in Zyklen oder großen Serien, wie bei ihrem bekannten Hauptwerk dem riesenhaften Porträt-Zyklus der Opfer des ,,11. September 2001 ". Ihre Formensprache zeigt eine sublime Raumaufteilung und starke Bezüge zur Abstrakten Malerei. Eine kultivierter Nuancenreichtum prägt ihre Farbpalette und ihre Rhythmik.

Ramesch Dahas Bilder sind voller Rhythmus. Das Gefühl der Ausgewogenheit und Rhythmus ist ihre besondere Starke. Ihr impulsives und bedächtig-informelles Arbeiten gleicht schon einem rhythmischen Tanz. Ähnlich ist das bei Susanne Wenger, die 1985 sagt: " Von mir wird das einfach weitergesponnen - ganz ohne Planung wie die Komposition sein muss. Am Schluß ist es total im Gleichgewicht - ich spür' sofort, wo ich aus dem Rhythmus bin - ich muss das dann so fort ausbalancieren - wo ich gedacht hab: ... das hab ich jetzt konstruiert das- das stimmt- alles außerhalb der Zeit. Bei den Bildern - alle Bilder sind eigentlich ein Bild - ein Lebensbild, das ich in mir herumtrag' - ich richte den Fokus dann auf Einzelheiten oder auf das Ganze - es ist alles das­selbe. Es ist überhaupt alles Rhythmus! - auch in der Physik ist alles Rhythmus!".

Der schöpferische Akt vollzieht sich bei Ramesch Daha vor allem auf der Gefühlsebene. Beginnend mit dem Informellen und Improvisatorischen forciert sich in der zunehmenden Kontrolle eine figurale, geheime Botschaft. Diese Botschaft scheint einerseits von jugendlicher Leichtigkeit und Poesie zu sein, reißt andererseits aber eine "zweite Seinsebene" auf: ein Wissen von Unglück und Leid und den Problemen des Lebens. Die Malerin scheint Lebensfreude und Skepsis zu amalgamieren. Ihre Bilder kommen mit großer Leichtigkeit daher. Sie beginnen als abstrakte Zeichen und enden als Landschaften der Seele. Bewusste und unbewusste Elemente versenken sich ineinander und tauchen unvermittelt wieder als ästhetische Spannungsfelder auf: verwoben in virtuosen Farbbalancen und von einer geheimnisvollen Einsamkeit durchdrungen. Vor den neuen Arbeiten Ramesch Dahas, "Vincent I" und "Vincent II", wird man einmal mehr Zeuge dieses Selbstklärungsprozesses von tiefen Dimensionen voll von mythischen Interpretationen der Welt von heute.


Paintings (2005)

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Text
Bärbel Holaus-Heintschel