"Form heißt Verzicht."
Reinhold Schneider (1903-58), dt. Schriftsteller

DER GESENKTE BLICK
Bärbel Holaus-Heintschel

Auf den ersten Blick scheint die Gegenüberstellung von groß­formatigen Kinderporträts und gemeinen küchenfertigen, doch ebenso großen Grillhühnern sehr befremdend. Erklä­rungsbedarf scheint speziell für die übergroßen Hühner "Chicken" gegeben. Eine Verbindungslinie zwischen zwei derartig unterschiedlichen Bildmotiven herzustellen, scheint schier unmöglich. Ein Zusammenhang kann - wenn überhaupt - nicht durch den theoretischen Überbau des Alltags begründet werden, sondern nur in der Malerei selbst, also im Formalen.

Drehen wir vorerst die Zeit um ein paar Jahre zurück: 1997/98 beschäftigt sich Ramesch Daha mit der Serie "Clips and Snapshots", die 1998 in der Akademie der bildenden Künste ausgestellt war. Auf Kleinformaten erarbeitet die Malerin spontane Acryl-Arbeiten, deren Themen aus dem Alltag gegriffen sind: Vorwiegend begegnen wir Porträts von Freunden und Persönlichkeiten aus der Wiener Kunstszene, aber auch Raumsituationen und Stillleben, Unter den vielen Arbeiten findet sich ein kleines Bildchen, das ein Grillhuhn darstellt - in Verpackungshaltung auf dem Schneidbrett auf seine Zubereitung wartend, Dieses Kleinformat - Teil einer Alltagsszene jedes Haushalts - sollte für die Künstlerin Ausgangspunkt einer ganzen Bildserie werden.

In den nächsten Jahren folgen weitere Blickpunkte auf das gemeine Küchenhuhn: Wie es beim Waschen unter dem Wasserhahn beispielsweise die Beine spreizt - oder den Blick zwischen die Beine, der durch die runde Öffnung das Innere preiszugeben scheint, von wo soeben die verpackten Innereien herausgezogen wurden, Blickpunkte, die in Wahrheit eher etwas Unansehnliches und Abstoßendes in sich tragen. Übertragen auf Leinwand gewinnen diese Motive jedoch durch die äußerste Reduktion von Form und Farbe einen neuen ästhetischen Ausdruck. Auch ist diesen rudi­mentären toten Torsi eine gewisse "Fleischlichkeit" nicht abzusprechen, die wiederum etwas Lebendiges vermittelt und eine gewisse Assoziation zum Menschlichen hin zulässt.

Dennoch: Das Ziel Ist es, primär Klarheit zu schaffen. Der formale Ansatz liegt allein in der Reduktion auf das Wesentliche: Form und Farbe. Die komplexe Bildsituation wird mittels weniger In sich geschlossener Formen erarbeitet. Die Farbigkeit ist auf einheitliche Großflächen reduziert und auch in Ihrer Kraft äußerst zurückgenommen. Durch die Vielschlch­tigkeit des Farbauftrags, mit der die einzelnen Flächen erreicht werden, wirken die Objekte dennoch keineswegs zweidimenslonal- ganz im Gegenteil: Die darunter liegenden Farbschichten scheinen das Dargestellte in die Tiefe hinein zu modulieren.

Parallelwelt: Ramesch Daha arbeitet seit der Serie "Clips and Snapshots" weiterhin auch intensiv am Genre des menschlichen Porträts. Neben Darstellungen von Personen aus ihrem Freundeskreis entstehen 1998 die ersten Porträts ihres Sohnes Laurenz. Das neugeborene Baby wird am Busen der Mutter ebenso gezeigt wie auf dem Bauch auf einer Decke liegend. Zweltere Haltung kann rein assoziativ mit der Darstellung des Grillhuhns aus der Serie .. Clips and Snapshots" In Verbindung gebracht werden. 2001 folgt die Geburt des zweiten Sohnes. Vincent. Das Heranwachsen der KlelClkln­der wird ab nun In vielen BIldstationen dokumentiert Meist sind es Alltags- oder Urlaubsszenen. aber auch absurde Ver­kleidungsbilder - wie die der Komodowarane - sind hier zu finden. Das Kinderporträt steht dabei Immer In Kommuni­kation mit dem Betrachter. Auch hier sind gleiche künstlerische Bemühungen der Malerin abzulesen: Es geht um die Reduktion auf das Wesentliche und das Aussparen von Details wie Gewand oder Beschreibungen des Umfelds der Handlung. Dennoch scheint im Porträt das Wesentliche vor­erst eine andere essentielle Komponente zu beinhalten: die Augen und den Blick der Dargestellten.

2002 fasst Ramesch Daha den Entschluss, eine große Serie an kleinformatigen Porträts zu beginnen: die Opfer "Victims" des 11. September 2001.510 Porträts wurden seit damals angefertigt. 510 Mal der Versuch, die Physiognomie und cha­rakteristischen Wesenszüge eines Menschen genau zu tref­fen. 510 Mal der Versuch, die Persönlichkeit eines Menschen auf Leinwand zu bannen. Und das geschieht vor allem durch die Augen und die Beschreibung des immanenten Blicks des Jeweiligen Menschen. Ähnliche Erfahrungen machen wir selbst oft im täglichen Leben: Begegnen wir Menschen In einer Masse, beispielsweise auf der Straße oder in der U­Bahn, dann nehmen wir sie anfangs nur silhouettenhaft und als Form wahr. Sobald sich aber Blicke kreuzen, vermeinen wir in den jeweiligen Gestalten Persönlichkeiten festmachen zu können und achten unweigerlich auf Details wie Gesichtszüge, Gewand etc. Somit ist es aber auch dieser Kristalli­sationspunkt der Wiedererkennung - der individuelle Blick der fremden Menschen - der die Malerin letztlich in ihrer konsequenten Reduktion der Formensprache hindert.

Anders kann die Künstlerin aber bel ihren eigenen Söhnen vorgehen, denn bei Ihnen ist die stringente Notwendigkeit der Beschreibung des Blicks nicht gegeben. Das großformatlge Profilporträt von "Laurenz mit Badehose" aus dem Jahre 2004 zeigt den erstmaligen Versuch des "gesenkten Blicks" Durch diesen neuen Zugang zum Porträt kann Ramesch Daha nun ihre Konzentration ganz auf die erstrebte Reduk­tion der malerischen Formensprache lenken. Jedoch scheint die Reduktion In diesem speziellen Bild noch nicht aufs Äußerste periektioniert zu sein: Durch geteilte Farbflächen wird doch noch eine Art Hintergrund angedeutet. Der Schritt zur konsequent neuen Formsprache gelingt quasi erst in den beiden bislang letzten großformatigen Arbeiten der Künstlerin. Die Vincent einmal In hockender frontaler Haltung und einmal In ProfilansIcht. aber ebenso mit "gesenktem Blick" zeigen. Hier werden nicht nur die menschlichen Formen auf eine minimale BIldsprache reduziert. sondern auch der Hintergrund selbst löst sich In einer einheitlichen Farbfläche auf. Anders aber als In den "gemeinen Küchenhühnern" wird hier eine besondere Akzentuierung auf die Farbe selbst gelegt, die in Ihren Türkis-. Violett- und Beige­tönen bei weitem kräftiger ausfällt. Die Tiefenwirkung im Bild selbst wird, wie auch in den "Chicken" nicht oberilächlich erreicht, sondern durch den reichen Aufbau der darunter liegenden Farbschichten.

Der "gesenkte Blick" eröffnet Ramesch Daha den Zugang zu einer noch intensiveren Formensprache. Uber diesen formalen Kunstgriff schafft sie letztlich auch die Anglelchung der unterschiedlichen Genres: Des Stillleben und des Porträts Das Besondere dieser Malerei liegt in der äußerst reduzierten Formensprache, die das Große und Ganze stets vor Augen hält.


Paintings (2005)

zur Bildergalerie

Text Wolfgang Denk