NO COMMENT
Rainer Fuchs

Ramesch Dahas neue Serie von Kinderporträts erscheint in ihrem klar konturierten, reduktiv-verhaltenen Farbenund Formenspiel auf den ersten Blick frei von narrativen und symbolischen Anspielungen. Groß ins Bild gesetzte Halbfiguren verbinden sich mit den homogen farbigen Hintergründen zu spannungsvoll austarierten Kompositionen. Raum und Körperlichkeit sind nicht bis ins Detail modelliert, sondern ins flächenhaft Suggestive zurückgenommen und der Imaginationskraft des Betrachters überantwortet. Die Figuren sind einem nahegerückt und doch in eine unabwägbare Ferne gestellt. Selbst blickstark, konfrontieren sie das Auge des Betrachters mit satter Präsenz und sind doch nur ausschnitthaft erfasst.

Bezug genommen wird in diesen Bildern aber nicht nur auf die Geschichte und das Potenzial figurativer Malerei, sondern auch auf die Zeitgeschichte bzw. auf weltpolitische Konfliktherde. Neben den eigenen Kindern und denen von Verwandten zeigt die mit "no comment" betitelte Serie nämlich auch solche, die in den kriegerischen Auseinandersetzungen im Irak getötet wurden. Man findet sich also mit malerisch konstruierter Wirklichkeit konfrontiert, die bewusst die Abweichung von illusionistischer Täuschung sucht und trotz ihrer Distanz zu dokumentarisch-veristischen Ansprüchen auf der Auseinandersetzung mit harter Realität und deren medialer Vermittlung beruht. Denn in ihren Vorarbeiten zu den Bildern ist Ramesch Daha den Schicksalen getöteter Kinder in minutiösen Recherchen über Nachrichtensendungen und das Internet nachgegangen. Sie hat Fotos von einigen dieser Kinder aufgetrieben, aber bewusst keine Bilder des Grauens ausgewählt, sondern in archivalischer Manier auf typische Erinnerungsund Familienfotos zurückgegriffen, auf denen die Kleinen mit lachenden Gesichtern oder friedlich schlafend zu sehen sind. Die Bilder der eigenen Kinder unterscheiden sich also nicht von jenen der anderen, das Fremde könnte so gesehen auch das Eigene sein und umgekehrt. So bietet sich dem Betrachter ein Kontinuum malerisch geläuterter Physiognomien und Körper, gleichsam eine makellose Oberfläche von Malerei, unter deren dünner Haut sich Abgründe auftun. Diese werden hier über die sogenannte Normalität thematisiert, während sonst, genau andersrum, die Nachrichtenmedien das Abgründig-Extreme durch permanentes Vorzeigen zur Normalität stilisieren. Lässt schon die Malerei allein ohne die Hintergrundinformationen keinen unmittelbaren Schluss auf die gesellschafts- und medienpolitische Intention der Bilder zu, so verweigert auch der Titel "no comment" vordergründige Aussagen und Festschreibungen. Der formalen Reduktion dieser Malerei scheint also die bewusste Zurücknahme detaillierter Informationen zu entsprechen. Da es sich um Malerei handelt, die das Anekdotische und Idyllisierende vermeidet, kann sich auch keine vorschnell psychologisierende Interpretation dieser Porträts einstellen. Es sind _ ebenso wie die zu dieser Serie gehörenden Zeichnungen _ auf fotografischen Vorlagen basierende Kompositionen, also keine nach der Natur gemalten Bilder, die auf Unmittelbarkeit und spontane Empathie setzen, sondern mit Kalkül erstellte Darstellungen, von Bildern abgeleitete Bilder, in denen sich Malerisches und Konzeptuelles die Waage hält. Bezeichnend für diese Balance ist auch das Arbeiten in Serien, d. h. die im Vorhinein festgelegte Funktion der Einzelbilder, Bestandteile eines übergeordneten Sinn- und Werkzusammenhanges zu sein. Bereits in der Serie der "Victims 9/11", der Darstellung jener Menschen, die dem Terroranschlag vom 11.9.2001 zum Opfer gefallen sind, unternimmt die Malerin im Zuge eines äußerst arbeits- und zeitaufwendigen Projekts den Versuch, das Porträt eines einschneidenden zeithistorischen Ereignisses aus lauter individuellen Einzelporträts zu erstellen. In der fast unübersehbaren Menge spezifischer Gesichter - deren Darstellung noch nicht abgeschlossen ist - entsteht eine Ahnung von der unfassbaren Dimension des kollektiven Sterbens oder besser, die Unmöglichkeit, sich dies tatsächlich vor Augen zu führen. Gerade in der Vielzahl individueller Identitäten scheinen diese auch in ihrer einzelnen Wahrnehmbarkeit zu verschwinden und zu einem Panoptikum der Auslöschung in mehrfachem Sinn zu verschwimmen.

Ramesch Daha musste bei ihren Nachforschungen für "no comment" erkennen, dass die getöteten Kinder zum einen von den Kriegsparteien auf martialische Weise als Mittel der Propaganda, d. h. als Waffe für die gezielte Eskalation der Gewalt eingesetzt werden, und dass andererseits die Zahl der über Mediennetzwerke überhaupt rekonstruierbaren Fälle in auffallendem Gegensatz zum wahren, erschreckend hohen Ausmaß der Kinderopfer steht. Vor diesem Hintergrund wird nicht nur die exemplarische, gesellschaftspolitische Dimension und Instrumentalisierung privaten Leids sinnfällig, sondern auch die ambivalente Rolle der Medien sowohl als selektive Informanten wie auch als Handlanger und Profiteure politischer Interessen. Es sind also nicht bloß die Medienberichte, sondern auch die mit ihren Informationen verbundenen medienpolitischen Absichten und Steuerungen, denen die Künstlerin nachgegangen ist und die daher ihre Malereien buchstäblich grundieren. Jenseits billiger und geschäftsfördernder Mitleidseffekte und sonstiger Emotionalisierungen - ein wesentlicher Bestandteil jeder kommerziellen Informationspolitik - konzentriert sich Ramesch Daha ohne korrigierende oder ergänzende Absichten auf die Rolle der Medien selbst. Aus diesem Grund hat sie bei ihren Recherchen auch bewusst auf das Angebot hinterbliebener Eltern verzichtet, ihr weitere Informationsmaterialien zur Verfügung zu stellen, um nicht einfach als Medienkorrektiv die Einzelfälle vertiefend zu recherchieren und damit eine Betroffenheitsrhetorik ins Werk zu setzen, die aufgrund der vorliegenden Fakten ohnehin überflüssig ist.

Der Titel "no comment" ist daher nicht mit Informationsverweigerung gleichzusetzen, sondern er ist im Gegenteil selbst Kommentar einer Verweigerung eindimensional klischeehafter Festschreibungen, wie sie sowohl von Kriegsparteien als auch von Medien betrieben werden.

Insofern kommentiert "no comment" die medialen Praktiken selbst. Als Medienkonsument weiß man, dass besonders dann, wenn in bestimmten Situationen bewusst kein Kommentar gegeben wird, bzw. wenn gesagt wird, dass nichts gesagt wird, erst recht Brisantes zu vermuten ist. Auch so gesehen ist das Vorenthalten einer Stellungnahme per se ein pointiertes Statement.

Ramesch Daha bezieht sich in ihrer Begriffsfindung auf eine gleichnamige Nachrichtensendung von EuroNews, die aktuelle Dokumentationen zu politischen und kriegerischen Auseinandersetzungen bzw. deren Auswirkungen zeigt, ohne diese zusätzlich mit eingeblendeten oder gesprochenen Texten zu versehen. Die in diesen Sendungen vermittelten Bilder bzw. Ereignisse sind aber dennoch nicht einfach stumme Zeugen der Geschichte, sondern sie sind auch ohne Textkommentar als mediale Interpretationsakte realer Ereignisse zugleich Bestandteil dieser Realität. Es sind Infos, die zugleich Geschichte zeigen, aber auch miterzeugen, weil sie etwas ins Bewusstsein heben, das wiederum Auswirkungen auf weitere Handlungsweisen, welcher Art auch immer, hat. Das Umgehen von Sprache hat auch hier nichts mit Sprachlosigkeit zu tun. Und die Bilderflut spricht nicht einfach nur für sich, weil sie in den Köpfen ihrer unterschiedlichen Betrachter und Interpreten je nach deren Interessen und Parteilichkeiten immer auch unterschiedlich verstanden wird. Allein die Tatsache, dass und wie Informationen gezeigt werden, ist alles andere als zufällig und selbstverständlich. So gesehen ermöglicht gerade der Verzicht auf zusätzliche Erläuterungen einen genaueren Blick auf das angeblich nur Vorfindbare, in Wahrheit aber ohnehin absichtsvoll "Gefundene".

In den Malereien von "no comment" wird das sogenannte Eigene und Private an das Fremde und Öffentliche gekoppelt. Ramesch Daha trennt bewusst nicht ihr privates Leben von Fragestellungen mit öffentlicher Relevanz, sondern insistiert auf deren Untrennbarkeit. Die eigenen Kinder und jene der Verwandten und Bekannten könnte man in diesem Zusammenhang als ebenso fremde und der öffentlichen Betrachtung überantwortete Individuen betrachten, wie andrerseits die toten Kinder der Anderen immer auch Teil der eigenen Identität und Geschichte sind.

Damit lässt sich Ramesch Daha auch in den Interpretationsrahmen post kolonialer Identitätskritik stellen. Die dort als Hybridisierung beschriebene Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Kulturen und Identitäten ist vor dem Hintergrund der Globalisierungseffekte mit ihren Migrationsprozessen Grundlage jeder Selbsterfahrung und -befragung. "Die Massenmigrationen realer Personen und die globale Zirkulation kultureller Zeichen lassen heute das, was früher als dritte Welt woanders lokalisiert, ausgegrenzt und in seiner Realität verdrängt werden konnte, inmitten des Eigenen wiederkehren."1) In diesem Kontext werden Eigenes und Anderes als relational erfahrbar bzw. das Eigene selbst als Anderes denkbar. "Die Grundhaltung ( ... ) ist es, nicht so sehr die ,anderen', die in ,unserer' Mitte auftauchen, als Problem zu betrachten, mit dem besser oder schlechter umzugehen ist, sondern zunächst sich selbst als andere zu verstehen."2) Ramesch Dahas integrativer Ansatz erschließt sich aus dieser Einsicht in die Vertauschbarkeit und Verwobenheit von Eigenem und Fremdem, Privatem und Öffentlichem, und er speist sich nicht zuletzt aus ihrer eigenen Biografie als Migrantin, die schon im Kindesalter aus dem Iran auswanderte und ihre Sozialisierung als interkulturell gebrochen erfuhr.

Mit dem Begriff und Phänomen der Hybridisierung können aber nicht nur Vermischungen unterschiedlicher Kulturen, Ideologien und Identitäten beschrieben werden, sondern es lässt sich damit auch die Rolle der Massen- und Kommunikationsmedien als Vermittler und Katalysatoren dieser Vermischung erfassen: "In ( ... ) hybridisierten Kulturen kann nationale Identität bestenfalls noch eine unter vielen sein. Dafür ist wohl ( ... ) entscheidend auch der Wechsel der dominanten Massenmedien und Reproduktionstechnologien verantwortlich. ( ... ) spätestens mit dem Übergang zu Privatsendern und einer Vielzahl international zu empfangender regionaler, nationaler und globaler Programme ist das Fernsehen mindestens ebenso sehr zu einer Oekonstruktion wie zu einer Konstruktion nationaler Identitäten geworden. ( ... ) CNN sendet Bilder im Prinzip von überall nach überall und kommentiert sie dazu noch als Beobachtungen ( ... ). Auch das Internet als globales Kommunikationsmedium hat die Komplexität der kommunikativen Erzeugung von Identitäten enorm gesteigert und dazu beigetragen, ihren imaginären, virtuellen Charakter bewusst zu machen ( ... ). "3) Die Bilder und Botschaften der Medien berichten also nicht nur von hybriden Identitäten, sie forcieren sie auch zugleich. Sie importieren immerzu Fremdes in die eigene Sphäre, die ohnehin schon fremdbestimmt ist, und dienen der Vergewisserung eines Selbst, das sich von vornherein äußeren Einflüssen verdankt.

Alles andere als harmlos und kindlich naiv, beinhalten und reflektieren Ramesch Oahas Kinderbilder und die ihnen zugrundeliegenden investigativen Arbeitsschritte das komplexe Ineinander von Realpolitik, Medienkonsum und Identitätskonstruktion. Es ist daher bezeichnend, dass die Malereien - in denen unterschiedliche Individuen in einer Art hybriden Gemeinschaft zusammengefasst und gleichwertig aufeinander bezogen werden - auf Medienrecherchen und -analysen beruhen - ein Umstand, der in der Übertragung des Titels "no comment" von der Medienindustrie auf die Malerei implizit kommentiert wird.

1) Elisabeth Bronfen/Benjamin Marius: Hybride Kulturen. Einleitung zur angloamerikanischen Multikulturalismusdebatte, in: Hybride Kulturen - Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte (Hg.: Elisabeth Bronfen/ Benjamin MariusfTherese Steffen, Stauffenburg), Tübingen 1997, S. 6
2) Ebda.
3) Ebda. S. 14


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